Mit dem Vordringen in schneebedeckte Bergregionen wurden der Mensch, seine Siedlungen und Wege von Lawinen bedroht. Während
er in früheren Zeiten diesen elemtaren und gefährlichen Naturereignissen mit Hilfe seiner Erfahrungen und Überlieferungen auszuweichen
versuchte, muss er heute durch die veränderten Verhältnisse anders damit fertig werden.
Für das Erkennen von Lawinen und zur wirksamen Vorbeugung ist umfassendes Wissen − auch historischer Natur − notwendig. Neben den
fundamentalen, aber mehr theoretischen Wissenszweigen Physik, Meteorologie, Geologie u. a. sind die laufend wachsenden praktischen Erfahrungen, also
empirisch ermittelte Erkenntnisse, unumgänglich notwendig, um aus dem Zusammenwirken von Theorie und Praxis die komplizierten Vorgänge im
Zusammenhang mit Schnee und Lawinen optimal beurteilen zu können. Ungeachtet ihrer Wichtigkeit sind Ortskenntnis, alpine Erfahrung, Beobachtungs-
und Erinnerungsfähigkeit sowie die oft strapazierte Intuition (d. h. das »Lawinengefühl«) allein nicht ausreichend,
wenn der tiefere Einblick in die teils theoretische Schnee- und Lawinenkunde fehlt. Um alle derzeit verfügbaren Mittel zum Schutze vor Lawinen
einsetzen zu können, muss ein hoher Wissensstand über Schnee und Lawinen erworben werden.
Trotzdem bleibt auch für anerkannte Fachleute ein mehr oder weniger breiter Unsicherheitsbereich, aufgrund dessen gelegentlich auch erfahrene
Lawinenexperten Opfer einer Lawine werden. Der heimtückische Charakter, die große Variationsbreite der Lawinenereignisse − von
spielenden Kindern hinterm Haus über Touristengruppen bis zur Zerstörung ganzer Siedlungen reicht das Sektrum − und das immer noch
unvollständige Wissen über die Lawinenbildung und deren zahlreiche, vernetzte Einflußfaktoren sind der Grund dafür. Nur die
lawinenkundlich methodische Beobachtung der Ursachen, auf breites Basiswissen abgestützt, verbessert die Vorbeugung von Unfällen
Um in das eigene Wissen über Lawinenprobleme die Erfahrungen aus der allgemeinen Praxis und die Ergebnisse der Forschung einzubeziehen,
bedarf es eines eingehenden, ständig betriebenen Studiums der Lawinenkunde. Die laufende Erweiterung ist erforderlich, um eine Erstarrung und einen
Rückgang des erlangten Grundwissens zu vermeiden. Zwischen den physikalischen Ereignissen Lawine und Wetter besteht ein enger Zusammenhang
müssen ebenso erarbeitet werden wie andere, oft schwer zu verstehende Gesetzmäßigkeiten aus den Naturwissenschaften, die das Fundament
liefern.
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Es ist kein Geheimnis, dass auch qualifizierten Praktikern die von ihnen in der Praxis beobachteten Vorgänge erst bei mehrfacher Befassung
mit grundlegenden, theoretisch erscheinenden Elementen der Lawinenkunde verständlich werden. In gewisser Hinsicht gilt dies auch für
Erkenntnisse auf Gebieten, die außerhalb des unmittelbaren eigenen Interesses liegen. Maßnahmen zum Schutz von Wohnstätten und
Verkehrswegen sollten dabei auch jene kennen die um den Lawinenschutz im Zusammenhang mit dem Schisport vorrangig bemüht sind. Dies gilt
natürlich auch in umgekehrter Richtung. Das verlangt also, eine möglichst umfassende Übersicht über das Lawinengeschehen anzustreben
und sich kritisch gegenüber den eigenen Kenntnissen zu verhalten. Erst der Kenner der Lawinenkunde wird jedes Ereignis und jede, auch
zufällige Mitteilung in den eigenen Kenntnisschatz einbeziehen können. Die Erfahrungen eines im Lawinengeschehen versierten Praktikers
können ohne systematisch aufgebaute und sorgfältig erlernte Schnee- und Lawinenkunde nur zu einem geringen Teil ihres Wertes eingesetzt
werden.
Die Lawinenkunde soll vor allem praxisnah verstanden werden, und dennoch muss eine mitunter unterschwellig vorhandene
»Theorie« bezeichnet, obwohl es sich um Grundsätze handelt, die auch jede Praktiker kennen muss. Fundierte Kenntnisse
über Schnee- und Lawinenkunde können nur erworben werden, wenn eine Einheit hergestellt wird zwischen prxisnaher Arbeit im Gelände und
theoretischen Kenntnissen unter Verwendung von Lehrschriften und Analysen von vergangenen Lawinenabgängen. Die Bemühungen um die
Lawinensicherheit in der winterlichen Bergwelt müssen auch die ständige Kontrolle und Erneuerung des Wissensstandes beinhalten.
Gerade in den letzten Jahren sind sowohl in der wissenschaftlichen Grundlagenforschung als auch in der praktischen Anwendung bei der Beurteilung
der Lawinensituation »vor Ort« Fortschritte erzielt worden. Durch moderne Methoden (Elektronik, Computer), aber auch durch die
weltweite Bearbeitung der einschlägigen Probleme ist eine vielversprechende Richtung eingeschalgen worden, die die bisherigen Erkenntnisse
erweitern und in neuem Licht erscheinen lassen.
Historische Übersicht
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