Alles ist gut. Adam und Eva tollen nackt durch den Garten Eden, alle Tiere sind niedlich, das Wetter ist jeden Tag spitze, und das
Essen hängt lecker an den Bäumen. Gott liegt gemütlich auf einer Wolke und krault sich den Bart. Poff! Auftritt des Bösen. In
Gestalt einer Schlange robbt es an Eva heran und zischelt ihr zu, wie sie dieses langweilige, ewig gleiche Paradies mal ordentlich aufmischen
könnte. Gott spitzt die Ohren. Eva und Adam werden doch nicht etwa in den verbotenen Apfel beißen? Das Böse aber züngelt weiter:
»Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.«
Die Folgen sind bekannt. Das Paradies ist verloren. Aber schuld war nicht Eva, dieses arglose Hascherl, das gar nicht wusste, dass Handeln
überhaupt Folgen haben kann. Schuld war das Böse. Und weil mit dem ersten Sündenfall der ganze Ärger mit der Sterblichkeit, dem
Zorn, der Feindschaft und all den anderen Unleidlichkeiten des irdischen Lebens erst losging, kann man sagen: Das Böse ist überhaupt an allem
Schuld.
Ohne das Böse wäre sogar die Bibel nur 80 Verse lang. Denn so lange braucht das Buch der Bücher um die Schöpfung und danach
die Vertreibung der Menschen aus dem Paradies zu erzählen. Erst danach geht die Geschichte richtig los − mit dem Bösen als
Antriebsmittel. Wäre alles so gut geblieben, wie Gott es gestaltet hatte, wären Adam und Eva immer noch im Garten Eden, und alles wäre
auf ewig gut. So aber können Gott und das Böse gegeneinander antreten, in einer Arena, die »Welt« heißt, und um die Macht
über die Menschen kämpfen.
Schon die Episode mit der Schlange erklärt, was das Böse ist und wie es wirkt: Es ist die Auflehnung des Menschen gegen die
göttliche Ordnung, und der unangemessene Wunsch des Menschen, wie Gott sein zu wollen. Damit stört der Mensch sein natürliches, gutes
Verhältnis zu Gott − und bekommt als Strafe Unheil übergekippt.
Gongschlag für die zweite Runde! Die neue Fähigkeit, von sich aus Böses zu tun, probiert der Mensch hemmungslos aus. Kreischend vor
Schmerzen gebiert Eva kurz hintereinander zwei Söhne: Kain und Abel. Im Schweiße des Angesichts bestellt Kain den verfluchten Ackerboden.
Abel treibt derweil magere Ziegen und Schafe über dürre Weiden voller Dornen und Disteln. Damit es regnet, opfert die Familie Früchte
und Lämmer. Abels Herde gedeiht gut, während Kain mit seinen Feldern wenig Glück hat und die Ernte verdorrt. Dass Abel nun
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Haupternährer der Sippe ist und daher auch der Liebling von Adam und Eva − darüber ärgert sich Kain grün und schwarz. Das
Böse hockt ihm auf der Schulter und reibt sich die Hände. Wieder eine Seele erwischt. Als Abel aber auch noch frömmelnd daherschwatzt,
was gut und richtig sei, platzt Kain der Kragen, und er erschlägt den strebhaften Bruder.
Damit wären auch Hass und Mord auf der Erde angekommen, und das Böse kannn mit Triumphgeheul einen weiteren Rundensieg feiern. Kain
verletzt jetzt nicht mehr nur göttliche Regeln, sondern zerstört auch sein Verhältnis zu den Eltern. Er verlässt sie, um weiter
östlich von Eden ein neues Leben anzufangen. Das Böse wirkt auch auf alle Beziehungen der Menschen untereinander, nicht nur auf die
Beziehung zu Gott, lehrt diese Episode.
Das Böse macht jetzt richtig Karriere. Es brilliert als Feind jeglicher Ordnung und als Freund der Bibelerzählung. Gut gegen Böse,
nur so kommt eine packende Story voran. Der Störer ist der Pfeffer in der Harmoniesuppe, er sorgt für Action und letztlich für
Entwicklung, denn es zwingt die menschlichen Helden und sogar Gott zm Handeln, treibt mit Chaos und Veränderung die Historie voran. Es hat
ähnliche Eigenschaften wie die Zeit, denn irdische Endlichkeit und Tod, Entwicklung und Fortschritt kamen erst durch das Wirken des Bösen in
die Welt. Vorher war alles unendlich und damit ewig gleich.
Wo die die Zeit und das Böse allerdings ursprünglich herkamen, das erzählt die Bibel nicht. In der Schöpfungsgeschichte wird
betont, dass Gott alles geschaffen hat. Und dass er auch alles gut geschaffen hat. Also kann Gott das Böse nicht erschaffen haben. Hat er es bei
der Schöpfung vielleicht übersehen, ist es ein »Rest« aus der Finsternis der Urflut? Auch nicht, denn außerhalb von Gott
und Gottes Macht gibt es nichts, sind sich christliche Theologen einig. Dass das Böse existiert und dass es auf die Welt wirkt, erkennen sie jedoch
ebenfalls einstimmig an. Kirchenvater Augustinus von Hippo (354 − 430) hat lange über das Problem nachgegrübelt und kommt zu dem
Schluss: Für Gott gibt es nichts Böses. Auch keinen finsteren Gegenspieler. Nur innerhalb des geschlossenen Systems der irdischen Welt,
in der Region der niederen Wesen, erscheint diesen manches als böse. »In Teilen der Schöpfung gibt es freilich immer Dinge, die zu
anderen nicht passen und die man deshalb für böse hält«, schreibt Augustinus ind den »Bekenntnissen«. »Doch diese
passen wiederum zu anderen, sind also für sie gut und sind in sich selbst gut.« Weiter
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