Glaubst Du an Horoskope? An die Macht, die Sterne und Planeten über unser aller Leben haben? Tut mir leid, Dir das sagen zu müssen:
Dann glaubst Du in Wahrheit an die Macht von Zahlen. Und zwar von Zahlen, von denen Du nicht mal genau weisst, woher sie kommen.
Wer hat Dir Dein Geburtsdatum verraten, Deine Geburtsstunde, die so wichtig ist für die Erstellung Deines Horoskops? Ein anderer
Aszendent würde womöglich schon einen ganz anderen Lebensweg vorzeichnen, und erst ein anderes Sternzeichen! Die Daten dafür aber
stammen in der Regel von jemandem in einem Krankenhaus, der Deiner Mutter eine Weile nach Deiner Geburt einen Zettel ausgehändigt hat, auf dem
sie verzeichnet sind. Hast Du Dich schon mal gefragt, ob diese Daten überhaupt zutreffen? Vielleicht hat ja jemand nicht richtig auf die Uhr
geguckt als er den Geburtsschein ausfüllte. Man kann wohl nicht davon ausgehen, dass die einzige wirklich vertrauenwürdige Person in dieser
Angelegenheit, Deine Mutter, die Augen bei Deiner Geburt auf die Kreißsaaluhr gerichtet hielt. Also sind es möglicherweise die vollkommen
nichtssagenden Zahlen auf Deinem Geburtsschein, von denen Du Dich durch Dein Leben leiten lässt, und in Wahrheit wirken ganz andere
Konstellationen auf Dich ein, als Deine Daten Dir vorgaukeln....
Wenn Du jetzt noch nicht genügend verunsichert bist, dann darf ich Dich bitten, einen Blick auf Deinen Kalender zu werfen.
Genau, da findest Du auch Zahlen: das Datum. Normalerweise müsste es das heutige sein
(Sonntag; 20. Mai 2012). Aber was bedeutet das eigentlich: »das heutige Datum«? Es ist das reichlich komplizierte
Rechenergebnis aus der Anzahl der Tage, Monate und Jahre, die vergangen sind, seit jemand irgenwann beschlossen hat, dass jetzt − genau jetzt
− die Zeitrechnung beginnen soll. Wer war das? Man kann nur mit einiger Sicherheit sagen, dass es nicht Gott war, der am siebten Tag die Stoppuhr
in Marsch gesetzt und gesagt hat: Achtung Herrschaften, von jetzt an mitzählen!
Wer hat wann dafür gesorgt, das Du heute auf Deinem Kalender schauen und feststellen kannst: In soundsoviel Tagen ist Weihnachten, und ich
hab noch kein Geschenk?
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Wusstest Du, dass in Deutschland ein Gesetz regelt, wer für die Zeitbestimmung zuständig ist? Wir haben die
unveränderlichen Menschenrechte in unserem Grundgesetz verankert, aber auch, wer an der Uhr drehen darf. Historisch betrachtet, ist das aber gar
nicht abwegig. Die Ersten, die die ständig davonlaufende Zeit einzufangen und in übersichtliche Perioden einzuteilen versuchten, waren
vermutlich Priester, und die haben sich in keiner Kultur der Erde wegnehmen lassen, was sie mal in den Fingern hatten.
Die frühesten Versuche, die Zeit einzuteilen, stammmen wohl aus astronomischen Beobachtungen. Gewisse Himmelsphänomene kehren
in regelmäßigen Abständen wieder, sodass unsere Vorfahren die Wartezeit beispielsweise bis zur nächsten Regenzeit
einigermaßen zuverlässig abschätzen und ihrem Herrscher sagen konnten, dass voraussichtlich in sechs Mondzyklen die Dürre vorbei
und die Felder grün sein würden. Bestenfalls gab der Herrscher dann Ruhe, und man hatte genügend Zeit, seine Flucht vorzubereiten
für den Fall, dass die Götter nach sechs Mondzyklen ihrer Lieferverpflichtung nicht nachkamen. Wie wichtig den Menschen allerdings schon
in diesen grauen Vorzeiten die Zeiteinteilung war, lässt sich an dem immensen Aufwand erkennen, mit dem astronomische Beobachtungsstationen
errichtet wurden. Stonehenge, möglicherweise das erste Observatorium der Welt und ungefähr 5.000 Jahre alt, wurde nicht gerade an einem Tag
erbaut.
Die üblichen astronomischen Fixpunkte, um daran eine Zeitrechnung, einen Kalender, festzumachen, waren die Umlaufzeiten der
Sonne um die Erde (Galileis Erkenntnis: »Und sie bewegt sich doch!« kommt erst viel viel später) oder die des Mondes.
Manche Kulturen fanden etwas Exotischeres; so errechneten die frühen Ägypter ihre Jahre mit Hilfe des Sterns Sirius.
Die Einteilung der verstrichenen Zeit in wiederkehrende, gleichbleibende Perioden war die Basis dafür, sich selbst als Individuum begreifen
zu können. Mit ihrer Hilfe war der Mensch nicht mehr nur das hilflose Staubkorn, das vom Wind des Schicksals durch ein gestaltloses Universum
getrieben wurde, sondern eine Persönlichkeit, Weiter
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